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Das vierte Writing-Challenge-Thema war "Wahnsinn" und beinahe hätte es mich in den Wahnsinn getrieben. Dann habe ich mich dazu entschlossen, eine Fortsetzung meiner Familie-König-Reihe zu schreiben. Mit "Bernhard" betritt Johannas Vater die Bühne.

Bernhard

Mit Blumen in der Hand trat Johanna ans Grab. Unter ihrem dicken Wintermantel konnte man ihren Bauch nicht sehen, doch sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis auch im dicksten Gewandt ihre Schwangerschaft zu sehen sein würde.

Mit der linken Hand fegte sie den Schnee vom Grabstein. „Bernhard König, geliebter Ehemann, Vater, Bruder und Sohn“ stand dort. Das Bündel Schneerosen legte Johanna unter das Wort Vater und verharrte in der Hocke am Grab.

„Hallo, Bernhard“, murmelte sie. Die Frau konnte sich nicht erinnern, ihn je „Papa“ genannt zu haben, „ich weiß, es ist lange her, dass ich hier war, aber ich glaube, es ist dir ohnehin nicht aufgefallen. Wer weiß, wie die Zeit vergeht, wo du bist. Jedenfalls... dachte ich...“ Johanna seufzte, stand auf und wollte gehen. Es hatte keinen Sinn mit einem Stein zu reden. Doch dann hauchte sie noch: „Ich werde Mama“ in die kalte Luft, bevor sie sich endgültig umdrehte und ihren Fußspuren entlang zum Ausgang stapfte. Achtzehn Jahre war es her, dass ihr Vater verstorben war und doch traten ihr Tränen in die Augen, als sie sich auf den Heimweg machte.

Zum ersten Mal seit Jahren war ihr Bernhard wieder im Traum erschienen. Lachend war sie nach Hause gekommen gegen elf am Abend, doch das Lachen war in ihrem Gesicht gefroren. Sie hatte gezögert, die Wohnungstür zu öffnen. Irgendwie hatte sie gespürt, dass etwas geschehen war.

Es rumpelte nichts, niemand schrie, der Fernseher war aus und das Sicherheitsschloss nicht zugesperrt. Ihr Vater war immer ängstlicher geworden. Zuerst hatte er das Licht im ganzen Haus brennen lassen. Dann hatte er dem Briefträger misstraut und sich geweigert das Haus zu verlassen. Die Haustür war an allen drei Schlösser immer zugesperrt gewesen – aber nicht heute, heute waren die beiden Sicherheitsschlösser offen. Der Fernseher, der immer lief, um ihrem Vater das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sehen, schwieg. Das Licht brannte nur im Vorzimmer. Es war eine Stille, die Johanna nicht gekannt hatte bis zu diesem Moment. Das Lachen tropfte von ihrem Gesicht, während sie zitternd den Schlüssel aus der Jacke zog und in das erste Schloss steckte.

Noch nie hatte sie so lange gebraucht um den Schlüssel umzudrehen, noch nie hatte sie so lange gebraucht, um die Tür zu öffnen. Irgendwie hatte sie es gespürt.

Als sie dann endlich das Vorzimmer betrat, lief es ihr eiskalt über den Rücken. „Bernhard“, schrie sie im Traum und schrie sie im Bett. „Bernhard?“, fragte sie dann vorsichtiger. Ganz langsam – die Schuhe noch an den Füße – betrat sie das Wohnzimmer. Das war der Moment, in dem die Stille zerbrach.

Schreiend war Johanna aus dem Schlaf gefahren. Das Bild von ihrem toten Vater, der an einem Haken von der Decke hing, hatte sich in ihrem Gedächtnis verankert, als sie vierzehn Jahre alt gewesen war. Monatelang war es jede Nacht wieder gekommen, dann alle paar Wochen und schließlich kaum noch und gar nicht mehr – bis zu dieser Nacht.

Am Ende des Friedhofs drehte sich Johanna noch einmal um, schob ihre Hände unter ihren Mantel und legte sie auf den Bauch. Beinahe spürte sie ein Flattern, als würde sich das kleine Etwas unter ihrem Bauchnabel bewegen. Mit Tränen in den Augen, lächelte die junge Frau. Und endlich, nach achtzehn Jahren, in denen sie sich gefragt hatte, warum und ob es ihre Schuld war, war es, als fiel eine Last von ihren Schulter: „Papa, ich verzeihe dir“, flüsterte sie über den Friedhof zu dem Grabstein hin, den sie gerade verlassen hatte.