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Die Idee hinter dieser Geschichte kam zum Thema "Rituale". Ich wollte die typische Morgensituatione einer Frau beschreiben - aber es durfte kein gewöhnlicher Morgen sein. Und hier kam dann das Bild der Ruine hinzu. Inspiration hierfür ist die Ruine Dobra im Waldviertel. Letztendlich ist von den Ritualen wenig übrig geblieben, aber ich denke die Routine von Sylvana am Morgen ist doch deutlich geblieben.

Bilder der anderen Welt

05:25 Uhr – Der Wecker läutetet mit derselben, ruhigen Klaviermusik wie jeden Morgen, auch wenn es heute beinahe zwei Stunden früher war als üblich. Sylvana zögerte nicht. Mit einem Ruck drehte sie sich auf die andere Seite, deaktivierte die Alarm-App auf ihrem Mobiltelefon und war schon aufgestanden, bevor die Uhr auf 05:26 Uhr springen konnte.

Im Dämmerlicht begann ihre tägliche Morgenroutine. Gähnend wankte die Frau auf die Toilette. Heute war es so weit. Der Wetterbericht hatte nicht gelogen. Nach der sternenklaren Nacht zierten die letzten Nebelschwaden ihren Garten. Tief im Wald am See bei der Ruine würden sie sich noch länger halten. Auch der Tau an den Moosen, Gräsern und am alten Gemäuer wäre bestimmt ein magischer Anblick.

Es sollte ein strahlend schöner Tag werden. Aber noch herrschte dunkles Morgengrauen. Die Fotografin hatte noch Zeit.

Die Dusche brachte ihre volle Lebensenergie zurück. Jeden Morgen ließ sie das heiße Wasser auf ihren Kopf prasseln. Das Shampoo kam zuerst in die linke Hand, dann wurde es zwischen den Handflächen verteilt, bevor sie unter ihre langen Haare in den Nacken griff und den Schaum von hinten nach vorne auf der Kopfhaut verteilte. Automatisch wurde die Temperatur zurückgedreht, die Shampoo-Reste fortgespült, die Zahnbürste in die Duschkabine geholt. Diese morgendlichen Rituale waren so tief in ihrem Körper verankert, dass ihr Bewusstsein fortwandern konnte, fort zur Ruine.

Zwei Mal war sie schon dort gewesen: einmal zufällig, bei einem Shooting im Wald, als das Mobiltelefon ihre Klientin geklingelt hatte; das zweite Mal ganz bewusst in der goldenen Abendsonne, um die brüchigen Mauern im glänzenden Licht für immer festzuhalten. Das Schild der Baufälligkeit hielt sie niemals davon ab. Als ehemalige Architektur-Studentin wusste sie genau, wo sie hintreten durfte und wohin auf keinen Fall. Es war ein Prachtexemplar einer Ruine. Mystisch und verzaubert hatte sie damals im Licht der tiefstehenden Sonne gewirkt, so als wollten die Götter höchstpersönlich ihre Finger danach ausstrecken.

Sylvana war jedoch ein Morgenmensch. Noch viel bezaubernder fand sie die Stimmung am Morgen, wenn der Tau an den Nadeln der Fichten hing, der Nebel von den bemoosten Felsen aufstieg und die ersten Sonnenstrahlen des Tages die zerfallene Burg zum Leben erweckten.

Mit all ihren zehn Fingern massierte die Frau ihre Kopfhaut. Zuerst im Nacken, dann weiter vorne und schließlich die Schläfen und die Stirn. Schließlich nahm sie den Duschkopf herunter, spülte die letzten Shampoo-Reste fort.

Das Wasser war nun schon reichlich kühl eingestellt. Die Haut ihres Dekolletees war rot geworden vom raschen Temperaturwechsel. Ihre Kopfhaut prickelte angenehm erfrischt.

In der linken, unteren Ecke ihres Mundes begann Sylvana ihre Zähne zu putzen, von hinten nach vorne, dann rechts. Genau dieselben Kreisbewegungen oben, bis schließlich ihre vorderen Zähne poliert wurden.

Die Ruine hätte auch einmal eine Politur vertragen, oder gleich eine Generalsanierung. Das so ein Schmuckstück, so ein wahres Stück Geschichte vor sich hin bröselte, wartete, zu Staub zerfiel – Sylvana konnte es nicht verstehen. Sie musste die Atmosphäre festhalten, zumindest den Anblick, der schon jetzt den meisten Besuchern verwehrt blieb.

Im Innenhof stand ein alter Brunnen, in den die Zweige einer Weide hineinhingen. Das Moos hatte den Beckenrand überzogen, kein Wasser befand sich mehr an seinem Grund. Dahinter erhob sich majestätisch die Festungsmauer. Im Osten war sie komplett zerstört, sodass das Licht der Morgensonne genau den Innenhof erhellen müsste. Aber auch entgegen der Sonne würde sich ein magischer Anblick bieten. Ein großer Felsvorsprung ragte über den tiefblauen See, in dem sich der umliegende Wald spiegelte.

Sylvana spülte sich ein letztes Mal den Mund aus, dann stieg sie aus der Dusche, wickelte sich in ihr kuscheliges, hellblaues Handtuch. Ihre Haare verpackte sie in ein weißes. Immer noch in Gedanken versunken, schraubte sie den Deckel ihrer Feuchtigkeitscreme auf und begann sich das linke Bein einzuschmieren, wie sie es jeden Morgen tat.

Genau die Weide wollte sie fotografieren, den Nebel, wie er zwischen den alten Mauern im Licht der Morgensonne dem Himmel entgegen stieg, den Felsvorsprung, mit dem darunterliegenden See, den Wald, der so dicht war, als würden hier Elfen und Kobolde leben.

Nachdem auch das rechte Bein versorgt war, stellte Sylvana ihre Creme zurück an den Platz, zog sich die Unterhose über ihren knackigen Po. Den BH zog sie über vorne an, fixierte die Häkchen am Rücken, richtete zuerst den linken Busen, dann den rechten. Auch in ihre kurze olivgrüne Hose stieg sie zuerst mit linken Bein. Beim Hochziehen wackelte die Frau mit der Hüfte hin und her.

Wenn die Bilder gut würden, wären sie der perfekte Abschluss für ihr neues Fotobuch: „Elfen im Wald – Fotografien von Sylvana Ebenholz“ hieß es. Dabei hatte sie Stellen auf der ganzen Welt festgehalten, von denen der Volksmund glaubte, dass hier einst oder sogar immer noch Elfen, Feen, Kobolde und andere magische Wesen lebten, Rituale und Tänze vollführten und ihre Anwesenheit fast spürbar schien. Zu der Ruine am See hatte Sylvana keine Aufzeichnungen gefunden, aber die Stelle schien perfekt. Sie brauchte kaum ihre Fantasie zu beanspruchen, schon sah sie die Feen über die Steine tanzen, aus dem tiefen Brunnen hervor lugen, von der Weide springen und über den See hinfort fliegen.

Auch bei ihrer weißen Bluse, steckte Sylvana zuerst den linken Arm hinein, dann den rechten. Die Tasche hatte sie schon am Vortag gepackt, um Zeit zu sparen. Noch einmal prüfte sie die große, schwarze Kamera. Obwohl sie schwer war, lag sie perfekt in ihrer Hand, als gehöre sie genau dahin. Die Speicherkarte war leer, der Akku vollständig aufgeladen. Die Frau schwang sich die Kamera um die Schultern, lies ihre noch nassen Haare auf die Schultern fallen und verließ ihr Haus.

Vorfreude kribbelte in ihrem Bauch, als sie im Auto saß, endlich am Weg war. Die erste Morgenröte zog sich über den Horizont. Es war die perfekte Zeit. Im Vorbeifahren sah sie schon einzelne Nebelschwaden auf den Feldern verschwinden. Das machte nichts, im Wald würden sie sich länger halten.

Ein paar hundert Meter entfernt stellte Sylvana ihr Auto ab. Die Ruine war zwischen den Bäumen kaum zu erkennen, aber sie wusste, wo sie hingehen musste. Obwohl die Fotografin erst zweimal hier gewesen war, hatte sich der Weg eindeutig in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Bereits aus der Ferne schoss die Frau das erste Bild. Im Vordergrund ein großer Wackerstein, im Hintergrund die Ruine, getaucht in goldenes Licht mit Nebelschwaden davor, die langsam aufstiegen. Ein schwarzer Fleck verdunkelte das rechte Ende des Fotos. Sylvana war sich sicher, die Linse am Vorabend noch einmal gründlich gereinigt zu haben. Trotzdem holte sie ihr dafür eigens vorgesehenes Putztuch aus der Kameratasche, wagte sich ein paar Schritte näher, schoss ein zweites Foto, ein drittes. Die Umgebung war noch magischer, als gedacht.

Im Innenhof angekommen, war der Brunnen das Zentrum. Mal die Weide daneben, mal in die andere Richtung mit dem See, in dem sich nun bereits die aufgegangene Sonne spiegelte. Das angeleuchtete Gemäuer, das Moos an den Wänden. Die Fotomotive waren unzählig. Aber bald bemerkte die Fotografin erneut einen kleinen schwarzen Fleck auf ihren Bildern. Dieses Mal in der Mitte, gerade an der Stelle, wo der Rand des Brunnens zu sehen sein sollte.

Dieses Mal war Sylvana überzeugt davon, dass es nicht ein Fleck auf ihrer Kameralinse sein konnte. Sie sah am kleinen Display der Kamera das Foto genau an, zoomte hinein – erschrak. Es war kein schwarzer Fleck, sondern es schien ein dunkler Haarschopf einer kleinen, zierlichen Figur zu sein.

Die Frau begann zu lachen. Da hatte ihr das Licht einen schönen Streich gespielt. Es war Zeit, das Fotobuch abzuschließen. Vielleicht war ihr die eine oder andere Geschichte der Interviewten doch zu Kopf gestiegen.

Sylvana schoss weiter ihre Bilder, nutzte die morgendlichen Sonnenstrahlen, die magische Umgebung, die mystischen Nebelschwaden für umwerfende Bilder. Vielleicht – so schoss es ihr durch den Kopf – könnte sie damit sogar eine Kampagne starten, um die alte Ruine zu retten, zu restaurieren.

Doch in der Magengegend hatte sich ein mulmiges Gefühl gebildet. Eine kleine Stimme zwitscherte in ihr Ohr: „Was, wenn der Fleck doch etwas anderes war als nur ein Fleck …“, doch die Fotografin hörte nicht darauf. Die Fotomotive waren zu verlockend. Ihre Kamera klickte immer wieder, alle Seiten wurden festgehalten, alle Perspektiven ausgetestet.

Sie würde die Wahrheit schon noch kennenlernen, wenn die Bilder erst einmal groß vom Computerbildschirm auf sie herableuchteten.