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"Das alte Fotoalbum" ist der 1. Teil einer Kurzgeschichten-Reihe, die sich um die Familie König dreht. Der "alternative" Titel ist "Agate" - denn so heißt die Hauptperson.
Der Text wurde mit dem 1. PERGamenta Publikumspreis ausgezeichnet.

Das alte Fotoalbum

Draußen fiel der erste Schnee des Jahres. Dicke, weiße Flocken tanzten vor ihrem Fenster und bedeckten ihre Blumen, ihren Vorgarten und ihre ganze Welt. Mit duftendem Orangentee ließ sie sich in ihrem Schaukelstuhl nieder und betrachtete das Treiben.

  Ihr Gehstock fiel zu Boden, doch sie hörte ihn nicht. Vielleicht würde sie noch heute zum ersten Mal in diesem Jahr durch frisch gefallenen Schnee spazieren. Nur eine kleine Runde durch den Garten. Je länger sie zusah, umso heftiger wurde das Schneetreiben und kleine Kristalle blieben am Fenster haften. Schnell zog sie ihre Strickjacke fester um ihren mageren Körper, um sich vor dem kalten Winter zu schützen.

Für einen Moment stellte sie ihren Tee auf das kleine Tischchen neben dem Schaukelstuhl und griff nach dem Bild, das darauf stand. Der silberne Rahmen mit den bunten Flocken fühlte sich eiskalt an, als wäre er selbst draußen im Schneetreiben gewesen. Mit einem schwachen Lächeln und einem tiefen Seufzer betrachtete sie das Bild. Ihr Kleid war weiß wie der Schnee selbst, aber sie strahlte wie die Sonne. So viele Jahre war es her, dass das Foto aufgenommen worden war. Beim Anblick ihres jungen Selbst fiel ihr etwas ein und sie stellte den Bilderrahmen zurück an seinen Platz, schnappte sich ihren Stock vom Boden – schneller und wendiger als man es der alten Frau zugetraut hätte – und stand auf, um langsam quer durch das Zimmer zu tapsen und am anderen Ende aus einer Schublade ganz am Boden, kaum zu sehen, ein dickes Fotoalbum zu holen. Beim Bücken keuchte sie und fluchte über ihre schmerzenden Gelenke.

Mit dem Tee erneut in der Hand blätterte sie – zurück im Schaukelstuhl – durch die Seiten und warf nur gelegentlich einen Blick durch das Fenster. Langsam bedeckte der Schnee den ganzen Garten. Kaum ein Grashalm ragte noch durch ihn hindurch und die Bäume waren in ein weißes Kleid gehüllt, so wie sie auf dem Foto im Bilderrahmen.

Die alten Seiten des Albums waren zerknittert und vergilbt und auf den ersten Blick sah man kaum den Unterschied zwischen ihnen und den Händen der Frau. Nach den ersten Fotos musste sie ihren Tee zur Seite stellen. Ihre Finger hatten zu zittern begonnen.

Ihr ganzes Leben war in diesem einen Album. Zwei, drei Bilder aus ihrer Kindheit, eines am Tag ihrer Verlobung. Das Hochzeitsbild. Nicht das gleiche, das am Tischchen im Bilderrahmen stand, nein, eines, das nicht so gut geglückt war. Eine Strähne hatte sich aus ihrem Dutt gelöst und hing ihr über das rechte Augen und ihr frischgebackener Ehemann küsste sie von der Seite auf die Nasenspitze, so dass von ihrem ganzen Gesicht kaum etwas zu erkennen war. Dann kam das erste Bild ihres kleinen Sohnes. Da war es wohl, als ihr die erste Träne kam.

Während der Sturm immer heftiger wurde und die Schneeflocken kaum noch tanzten, sondern wild durch die Gegend peitschten, blätterte die alte Frau durch ihre Erinnerungen, blieb bei den wichtigsten Erlebnissen hängen und lächelte über die Kleinigkeiten, die nicht auf einem Bild festzuhalten waren. Das Kribbeln in ihrem Bauch, als sie vor kaum dreißig Jahren zum ersten Mal das Meer gesehen hatte, gemeinsam mit ihrer kleinen Enkelin. Auf dem Bild dazu war kaum etwas zu erkennen, aber sie wusste genau noch den Tag, an dem sie es eingeklebt hatte. „Auf dem Foto erkennt doch keiner, was es überhaupt ist!“, hatte ihr Sohn gesagt, aber sie wollte es unbedingt einkleben, als hätte sie damals schon gewusst, dass genau diese Erinnerung, an das Meer und an den Tag des Einklebens, ihr einmal Freude bereiten würde.

Das letzte Familienfoto, ganz hinten im Album war kaum ein Jahr alt. Sie stand in der Mitte, umringt von Geschwistern, Kindern, Nichten und Neffen und Enkeln. Ihr spärlich gewordenes, langes Haar genauso hochgesteckt wie eh und je. Doch war es dünn geworden und weiß, weiß wie der Schnee vor ihrem Fenster und weiß wie ihr Hochzeitskleid. Aber kaum blieb sie an dem Foto hängen, da blätterte sie schon zurück. Sie suchte doch etwas ganz Bestimmtes. Wo war es nur? Wie ein kleines Kind würde sie weinen, wäre es verloren gegangen in all den Jahren. In all den Jahren, dachte sie, wann hatte ich das Album nur das letzte Mal gesehen? Wie lange ist es wirklich her, dass mein Junge so klein gewesen war?

Dann fand sie es. Eines ihrer ersten Farbfotos. Sie selbst glücklich lachend mit ihrem kleinen Sohn im Arm, während der erste Schnee um die beiden vom Himmel fiel. Sofort begann sie zu weinen. So lange war es her, dass sie weinen musste. Heute Morgen war sie aufgewacht und war plötzlich alt gewesen.

Mit einem lauten Knarren kündigte der Fußboden an, dass jemand das Zimmer betrat. „Meine Agate? Was hast du denn?“, fragte ihr Mann und humpelte zu ihr ans Fenster. „Ach, nur das alte Album. Hast du was Schönes entdeckt?“, fragte er geduldig, lächelte und küsste seine Frau auf den Kopf. „Wirst du es wieder allen zeigen, wenn sie nächste Woche auf Besuch kommen?“ Er lachte und sie lachte mit, nicht wissend, dass sie es beinahe täglich nahm und immer wieder dachte, es sei das erste Mal in Jahren.