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Ein experimenteller Kurzprosa-Ausflug aus Boston! Eine Momentaufnahme, eine Beschreibung - ursprünglich entstanden als "schlechter Text" für einen Wettbewerb.

Der 12. Mai oder Der Tag, an dem ein Hund zu den Gänsen ins Wasser sprang

Am 12. Mai saß ich auf einem Steg am Charles River in Boston. Ob das schön war, weiß ich nicht so genau. Ich war ein bisschen müde an dem Tag, weil ich die ganze Nacht davor durchgelesen hatte. Ich war auch ziemlich glücklich, weil die Sonne zwischen den Wolken hervorbrach. Zumindest zwischendurch manchmal. Das tat gut, die Wärme auf meiner blassen Winterhaut zu spüren.

Traurig war ich aber auch ein wenig, weil meine Lieblingskopfhörer, kaputt zu werden drohten. Am Tag davor, dem 11. Mai, hatte es angefangen – mit einem Wackelkontakt auf der linken Seite.

Da saß ich also müde, glücklich und traurig am Steg in Boston mit der Sonne im Gesicht – also zumindest zwischendurch, wenn die Sonne aus den Wolken hervorbrach.

Eine spezielle Gänseart kommt hier in Boston oft vor. Immer wieder nehme ich mir vor, herauszufinden, wie sie heißt, tue es aber doch nicht.

Das ist das aufregendste, das an diesem Tag passierte. Diese Gänse, fünf an der Zahl, sprangen in den Fluss und quakten. Ich drehte mich also um und sah, dass hinter ihnen ein Hund mit zotteligem Fell ins Wasser gesprungen war. Er tat gar nichts, außer aus dem Fluss zu trinken. Die fünf Gänse waren trotzdem am Schnattern als lägen sie im Sterben.

Ich dachte nur, wie froh ich war, den Hund hinterher nicht sauber machen zu müssen. Er hatte ein ziemlich langes Fell, das war bestimmt mühsam.

Und geärgert hatte mich das Geschnatter auch. Immerhin hörte ich nur auf dem einen Ohr Musik, der andere Kopfhörer ging ja nicht mehr. Also hörte ich da das Geschnatter. Musik finde ich aber schöner. Die ist beruhigender und auch interessanter.

Zu dieser Zeit rund um den 12. Mai hörte ich viel Filmmusik, die machte mein Leben irgendwie spannender. Aber auf eine gute Art. Nicht so wie Terroranschläge, die machen das Leben auf eine schlechte Art spannend.

Ich weiß eigentlich gar nicht, wie mein Leben weiter geht – das dachte ich an jenem Tag. Das war auch so eine schlechte Art von spannend. Aber auch ein bisschen aufregend. Manchmal schwankten meine Gefühle der Zukunft gegenüber in wenigen Sekunden von supertoll auf megablöd.

Es war sehr bewölkt an diesem Tag und ich hatte in Boston am Charles River auf einem Steg gesessen. Wenn die Sonne kurz herauskam, war ich glücklich und dachte, wie schön aufregend und toll meine ungewisse Zukunft nicht sei. Dann war die Sonne aber meistens kurz darauf hinter einer Wolke und ich dachte, wie furchtbare Furcht ich nicht hatte. Kein Geld, aber immerzu auf Reisen sein wollen – so sah meine Zukunft aus. Die einzige Arbeit, zu der ich taugte, war es, am Fluss zu sitzen und zu schreiben und dafür werde ich ja nicht bezahlt. Wie sollte also meine Zukunft wirklich aussehen?

Wenn dann auch noch dazu ein Windstoß kam, war es ganz schlimm. Dann musste ich richtig zittern. Nicht, weil der Wind kalt war, aber schon deshalb auch, aber eben nicht nur deshalb. Eigentlich deshalb, weil ich dann richtig Panik bekam, weil ich ja nicht wusste, wie es weiter gehen würde. Und da hatte ich dann solche Panik, dass ich zittern musste. Allein die Vorstellung, obdachlos in der Kälte zu schlafen, ließ mich zittern.

Aber wenn die Sonne wieder kam, war alles wieder gut. Dann genoss ich meinen Urlaub in Boston. Boston, am 12. Mai, so kalt und ungewiss sollte kein Mai sein. Es war Aprilwetter – wer brauchte das schon im Mai?

Aber vielleicht ist die Kälte im Frühling das Geheimnis, warum in der Stadt so viele Superhirne wohnen. Ich meine: Harvard und MIT – diese beiden Top-Unis sind beide in Boston. Dort studieren ja nur superintelligente Menschen. Zu denen gehörte ich nicht. Das einzige, das ich kann, ist am Fluss sitzen und schreiben. Zumindest am 12. Mai konnte ich das. An manchen Tagen kann ich auch das nicht. Dann lese ich eben stattdessen. Ist auch schön. Oder ich sitze einfach da und denke nach. Siddhartha ist ja auch nur damit durchs Leben gekommen, dass er denken konnte, aber der konnte ja auch fasten. Ich glaube, fasten kann ich nicht so gut. Dafür ist Essen eine viel zu schöne Tätigkeit. Dafür kann ich ja schreiben, aber das lernt eh jeder in der Volksschule. Wobei bei unserem Bildungssystem zweifle ich da schon auch manchmal daran.

Wo ist's denn besser? - fragt man mich dann und ich weiß keine Antwort. Hier in Boston haben sie zwar alle diese super schlauen Studierenden, aber ob die Volksschülerschaft hier besser lesen kann als bei uns, weiß ich auch nicht.

Jedenfalls dachte ich zumindest darüber nach am 12. Mai. Das war eigentlich ein normaler Tag. Da hatte ich mich an den Charles River gesetzt und geschrieben. Nur ein Hund ist zu den Gänsen ins Wasser gesprungen. Das machte diesen einen Tag spannender als die anderen, die ich dort gesessen und geschrieben hatte. Sonst war es dasselbe wie jeder Tag. Mein Urlaub hier war überhaupt nicht recht aufregend. Aber das tut eh manchmal auch gut.

Wer Aufregung will braucht nur die Nachrichten zu schauen! Flüchtlinge ertrunken, erschossen oder im Schlepperauto verreckt. Dort Terror, da Krieg. Nein, ich lese lieber Bücher und schreib meine eigenen Geschichten. Das ist wohl schönere Aufregung. Ich komm trotzdem nie umhin mich zu fragen, ob ich nicht was Sinnvolleres machen könnte als schreiben. Irgendetwas, was den Menschen wirklich hilft oder irgendetwas, das gleich dem ganzen Planeten hilft.

Aber dann kommt so ein Tag, wie der 12. Mai und auch, wenn ich mir viele Sorgen und Gedanken an diesem Tag machte. Wie ich da so am Fluss in Boston saß und schrieb, wusste ich, dass das das Einzige war, was mich glücklich macht. Und ich glaubte schon, zumindest wenn die Sonne gerade zwischen den Wolken hervorkam, dass ich mit dem Schreiben auch den Menschen helfen könnte. Mir hat zumindest ein gutes Buch schon oft geholfen.

Ja, das war der 12. Mai. Ein Hund schreckte Gänse, das Wetter veränderte meine Stimmung im Sekundentakt und ich beschloss für immer schreiben zu müssen, weil ich a) sonst nichts kann und b) man damit vielleicht doch ein Heilmittel für Trauer hat oder eine Botschaft für den Frieden, aber c) wofür schreiben auch immer gut ist, ich weiß, dass ich es selber einfach brauche, ich Egoist. Und das wusste ich auch schon vor dem 12. Mai, aber an diesem Tag, merkte ich es noch einmal mehr und ganz deutlich. Es war vielleicht doch gar nicht so ein normaler Tag, der 12. Mai, sondern ein sehr besonderer.