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Leider passt dieses Märchen nicht in unsere Jahreszeit. Niemand will sich im Frühling zurück in den Winter versetzen. Aber - wettbewerbsbedingt - habe ich mein Challenge Thema letzte Woche mit "Wintermärchen" festgesetzt.

Der Tanz der Kobolde

Vor vielen, vielen Jahren, als meine Großmutter noch ein kleines Mädchen war, lebten in unserer Welt noch ganz andere Wesen als Tiere und Menschen und Pflanzen. Die Erde wurde damals auch noch von Fabelwesen bewohnt. Doch die Magie war am verschwinden und nur mehr an wenigen Orten anzutreffen. 

Meine Großmutter Magaritha lebte in einem kleinen Dorf, fern von Straßen und Lärm und den vielen Menschen der Stadt, dort wo die Magie auch noch heute ihre letzten Funken versprüht.

Das Dorf lag mitten in einem Wald und die Winter waren dunkel und hart. Eines Winters gab es so viel Schnee, dass Magaritha nicht mehr aus ihrem Fenster blicken konnte, weil der Schnee bis an das Dach ihres Hauses reichte. Die Wege waren so gut es ging von den Dorfbewohnern frei geschaufelt worden, doch schon jetzt waren manche Wege nur mehr Tunnel und der Schnee drohte jederzeit sie ganz zu verschlucken.

Magaritha störte sich nicht an der Kälte und am Schnee, sie liebte die Winter, denn schon ihre Großmutter hatte ihr erzählt, dass die Fabelwesen sich nur aus ihren Höhlen trauen, wenn die Menschen vom Schnee begraben sind.

Magaritha zog sich ihre dicksten Fäustlinge an und ihr dickstes Gewandt, dann – mit einer leuchtend roten Haube über den Ohren – schlich sie an ihren Eltern vorbei und schlüpfte durch die Tür hinaus in den Schnee. Durch die Tunnel stapfte sie hinaus ins Dorf. Keiner war draußen, alle verkrochen sich zu Hause vor einem warmen Feuer, aber Magaritha schlich ans Ende des Dorfes und begann mit ihrer Kinderschaufel, die sie mitgebracht hatte, den Schnee fortzuschaufeln, um aus dem Dorf hinaus in den Wald zu kommen.

Trotz der Kälte wurde der kleinen Magaritha ganz schön warm, denn der Schnee war schwer und es war eine große Menge, die sie umschaufeln musste. Doch endlich, sah sie einen strahlend blauen Himmel durch ein Loch im Schnee. Sofort kletterte sie hindurch und stand auf einem Schneeberg, so hoch, dass sie glaubte, sie würde über der ganzen Welt stehen.

Von ihrem Dorf sah sie nur einzelne Schornsteine aus dem Schnee ragen, der Rest war verdeckt. Doch der Wald war nicht weit und Magaritha lief schnell darauf zu. Sie wollte nur ein paar Elfen und Feen sehen, von denen ihre Großmutter erzählt hatte, bevor ihre Mutter bemerkte, dass sie nicht mehr zu Hause war.

Schon schien es ihr, als würden in der Ferne glitzernde Funken versprüht werden, als würden die schönsten Wesen in Festtageskleidern um ein Feuer tanzen. Es dauerte nicht lange, da hatte das Mädchen den Waldrand erreicht. Der Schnee hier saß locker und leicht und so schnell sie aus ihrem Dorf geklettert war, rutschte sie nun durch ein Loch durch die Schneedecke und stand unter hohen, prächtigen Fichten, geschmückt mit tausenden, kleinen, glitzernden Schneekristallen, die das Licht der Wintersonne in allen Farben brachen und den Wald in ein magisches Licht tauchten.

„Wow“, sagte Magaritha und fühlte in ihrem Herzen, dass die Fabelwesen nicht weit sein konnten. Ach, wie gerne würde sie eine Fee entdecken!

Unter dem Schneedach, welches die Fichten bedeckte, war es warm und Magaritha ließ auf ihrem Weg durch den Wald ihre rote Haube fallen, ihre dicksten Fäustlinge und schließlich die Winterjacke und Westen, die sie getragen hatte. Immer leichter wurde ihr Gang, bis ihr aus der Ferne eine Melodie entgegen strömte. Tausende Flöten und Geigen und Pauken hörte sie, die einen Marsch aufspielten.

Das Mädchen schlich der Musik entgegen und versteckte sich hinter den Zweigen eines Busches. Vorsichtig lugte sie hindurch, um endlich die Feen und Elfen zu erblicken, auf die sie ein Leben lang gewartet hatte. Doch es erschrak! Magaritha erblickte nicht die lieblichen Gesichter, die bunten Kleider der Feen. Nein, sie sah bärtige, haarige, grüne kleine Männchen mit langen, spitzen Ohren, auf dessen Köpfe schwarze und braune und mit Schlamm verschmierte Hüte thronten.

Tausende von ihnen waren auf der Lichtung versammelt. Viele hielten in ihren dreckigen Händen, die schönsten Instrumente, die Magaritha je gesehen hatte und die Musik, die sie spielten, schien nicht nur das Mädchen zu verzaubern, sondern alle der grünen Kobolde. Mit ihren nackten Füßen tanzten sie in Reih und Glied auf der Lichtung vor und zurück, drehten sich im Kreis, wirbelten einander in die Höhe und ließen ein Lächeln auf ihren großen Lippen erscheinen.

Ein besonders großer, besonders haariger Kobold – in etwa so groß wie Magaritha selbst – blickte in seiner Drehung zu dem Mädchen. Da erschrak es so sehr, dass ihr ein spitzer Schrei entkam.

Sofort endete die Feier, die Musik verstummte, kein Kobold tanzte mehr.

Magaritha war wie versteinert. „Na, was haben wir denn da?“, lachte der große Kobold, der sie entdeckt hatte, „Ein Menschenkind!“. Da begannen alle Kobolde zu schreien und zu kreischen. Noch nie hatten sie ein Menschenkind gesehen. Nur die ältesten erzählte mit Furcht von ihnen, denn sie hatten sie gejagt und gefangen.

„Tut mir nichts!“, flüsterte Magaritha, „Ich wollte doch nur ein paar Feen sehen!“. „Du wolltest Feen sehen?“, fragte der Kobold, der sie entdeckt hatte so laut, dass alle ihn hören konnten. Ein schallendes Gelächter brach aus und der Kobold schnappte Magaritha und trug sie fort.

Über die Lichtung ging es mit tausenden Kobolden, bis sie ein Loch im Erdreich erreichten und hinabstiegen unter die Erde. Magaritha hatte es die Sprache verschlagen.

Immer dunkler wurde es und nur stinkende Fackeln an den Erdwänden erhellten die Tunneln, durch die sie marschierten. Immer wieder hörte das Mädchen Kobolde murmeln: „Ein Menschenkind, ein Menschenkind!“ Manche schienen verärgert, andere ängstlich und manche, da schien es, als würde ihnen die Spucke im Mund zusammenlaufen.

In einer großen Halle, beinahe so hoch, dass Magarithas Mutter hätte stehen können, aber doch nicht ganz so hoch, ließen sie sie hinab. Vor ihr stand ein Thron, geschmückt mit Pilzen und Wurzeln und Fichtennadeln und Tannenzapfen.

„Was bringt euch zu mir, meine Schar?“, fragte ein besonders grimmig blickender Kobold, der auf dem Thron saß. Sein Haupt wurde von einer aus Zweigen geflochtenen Krone bedeckt.

„Wir bringen Euch ein Menschenkind, das unsere Feier gesehen und gestört hat!“, antwortete der große Kobold, der Magaritha entdeckt hatte.

„Ich sehe, ich sehe... Nun, Menschenkind, was bringt dich her?“, fragte der König. Das Mädchen konnte seinen Mund nicht öffnen, da sprach der Kobold: „Sie wollte Feen und Elfen sehen!“ Sofort brach die ganze Halle in schallendes Gelächter aus.

„Weißt du denn nicht, Menschenkind, dass alle Feen und Elfen vor Jahren schon fortgegangen sind?“, fragte der König und da schien dem Mädchen als wäre sein Gesicht gar nicht so grimmig, wie es zu beginn gedacht hatte.

„Meine Großmutter hat gemeint, die Feen tanzen im Schnee und sind schöner anzusehen als alles andere auf der Welt“, antwortete Magaritha tapfer. Erneut brach schallendes Gelächter aus.

„Deine Großmutter ist eine dumme Frau“, antwortete der König ruhig, ohne zu lachen, „Feen lieben den Sommer, die Blüten, die Wärme und das Grün, das unsere Welt erstickt. Sie sind fortgegangen in eine Welt, wo die Sommer nie enden. Seit Jahren hat sie niemand mehr gesehen. Seit so vielen Jahren, dass selbst deine Großmutter noch nicht geboren war. Nur wir tanzen im Schnee, wir sind die Herren des Winters“, erklärte der König. Er erschien Magaritha immer freundlicher. Da fielen dem Mädchen seine Manieren wieder ein. Es verneigte den Kopf und meinte: „Ihr habt alle so schön gespielt und getanzt, ich wollte nicht stören!“

Wieder brach schallendes Gelächter aus. Dieses Mal konnte es sich auch der König nicht verkneifen. Dann kam ein Zwischenruf, der dem Mädchen alle Glieder gefrieren ließ: „Wir sollten uns eine warme Suppe aus dem Menschenkind machen und den Vorfall vergessen. Noch nie hat ein Mensch uns beim Tanz gesehen und sie sollten vorzüglich schmecken!“

Zustimmendes Gemurmel war zu hören, doch der König wiegte seinen Kopf hin und her: „Ich sage euch, das ist unsere Chance! Unser Volk mag in Vergessenheit geraten sein, aber das Mädchen hat Recht: Unsere Tänze sind wunderschön, aber unsere Zahlen gering. Bald werden die unseren diese Welt verlassen. Dann wird niemand mehr wissen, dass wir je hier waren. Lasst das Mädchen frei. Sie soll von uns erzählen, damit wir in den Köpfen der Menschen weiterleben können!“

Das Gemurmel im Saal schwoll an. Die meisten waren unzufrieden, hatten sie sich doch auf eine leckere Menschensuppe gefreut: „Und was, wenn das Mädchen uns ausliefert? Wenn es unsere Höhlen den anderen zeigt und wir auf ihren Tellern landen?“, brüllte der Kobold, der Magaritha hergebracht hatte.

„Wir nehmen ihre Erinnerungen und hinterlassen ihr unsere Schriften. Sie wird von dem Abenteuer lesen, aber sich nicht erinnern. Bringt die Magier!“, antwortete der König gelassen: „Wir wollen weiterfeiern!“

Magaritha wehrte sich. Zu aufregend und fantasievoll war ihr Abenteuer gewesen, wenn auch erschreckend, aber sie wollte nichts davon vergessen. Doch es war zu spät. Kleine, alte Kobolde mit weißen Haaren auf der grünen Haut kamen zu ihr. In den Händen Stöcke, um sich zu stützen. Und das, war das letzte, was das Mädchen sah.

Zu Hause erwachte es in ihrem Bettchen, neben dem – auf ihrem kleinen Tischchen – ein in Leder gebundenes Buch lag. Auf ihm stand: „Der Tanz der Kobolde oder Die Abenteuer der kleinen Magaritha“.