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Mein erster Text in der diesjährigen Challenge, der sich ein bisschen aus der sicheren Umgeben von klassischen Kurzgeschichten und Gedichten hinausbewegt. "Die Verrückte" ist zum Thema "Begegnungen" entstanden.

Die Verrückte

Gestern sah ich eine Verrückte. Ich beobachtete sie wohl eine Weile, ohne dass sie mich bemerkte. Ich traf sie gleich am Morgen. Ich traf sie erneut zu Mittag und dann am Abend. Sie war wohl eine Verrückte, so wie sie sich benahm. 

Zuerst sah ich sie, da half sie einer ihr Fremden, die weinend die Straße entlang kam. Sie fragte, ob alles in Ordnung sei, ob sie Hilfe bräuchte, sie bot ihr sogar eine Umarmung an. Ich dachte, dass es doch gute Verrückte auf der Welt gibt und ging weiter.

Später sah ich sie, da hatte sie ihren Kopf in einem Buch mit schwierigem Namen und bunten Formeln. Ihre Augen waren rot, ihr Gesicht geschwollen. Jetzt war es die Verrückte, die weinte, die Verrückte war es. Ich dachte, wenn ich dieses Buch lesen müsste und müsste und dachte, ich dürfte nicht aufhören, ich würde auch weinen. Etwas zu tun, was man nicht tun will und glauben, dass man es tun muss – Sie sei wohl verrückt, dachte ich und ging weiter.

Als letztes sah ich sie am Abend. Nun war sie hübsch anzusehen und beinahe dachte ich, es wäre eine andere, eine andere Frau, die nicht verrückt war. Doch dann tanzte sie, tanzte einfach auf der Straße. Nur Verrückte tanzen auf der Straße. Sie lachte und lachte und ich sah auch warum. An ihrer Seite waren Freunde, die mit ihr tanzten – ohne Sinn und vom guten Geiste verlassen, lachten und tanzten sie zusammen auf der Straße.

Gestern Nacht sah ich eine Verrückte und bis ich erwachte, war mir nicht klar, dass ich schlief. Und erst als ich in den Spiegel blickte, erkannte ich, dass ich die Verrückte war.