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Ursprünglich für einen Literaturwettbewerb zum Thema Leuchtpapier.Löschpapier entstanden, könnt ihr jetzt hier meinen Text "Ein Tintentropfen" aus dem Genre Lyrische Kurzprosa lesen.

Ein Tintentropfen

An der silbrig glänzenden Spitze einer Füllfeder, als Beginn der Idee, sitzt ein blau schimmernder Tropfen, gefüllt mit Tinte. Er schwankt und taumelt. Er spürt, was in ihm steckt. Die Ideen leuchten wie ein Licht. Sie kitzeln ihn, sie lassen ihn erzittern. Doch die Füllfeder setzt nicht auf, sie schwebt in der Luft und der Tropfen zieht und wankt und will sein Potential entfalten.

Nur wenige Zentimeter entfernt wartet das gelbliche Papier. Es ist gewölbt und schlicht und es duftet, es duftet nach Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. Der beste Duft von allen, der in der Luft hängt und den Tintentropfen umgarnt, ihm schmeichelt, ihm von einer Zukunft erzählt, die auf ihn wartet. Das Papier will ihn und er will es. Denn gemeinsam können sie etwas Neues schaffen, etwas, das noch nie da gewesen ist, etwas, das die Stille mit Musik erfüllt und die Leere mit Farben, etwas, das den Morgen mit Duft erfüllt und den Abend mit Sehnsucht.

Gemeinsam tanzen sie durch Raum und Zeit und füllen ein Leben voll mit Leben, eine Liebe voll mit Feuer, eine Freundschaft mit Vertrauen. Zusammen können sie lachen und weinen und lachen und schreien. Sie tanzen und singen, sie mischen und leben, sie beobachten und – das Wichtigste von allem – sie erzählen! Sie flüstern Geschichten, sie hauchen sie uns zu, sie schreien vom Gipfel des höchsten Berges das Ende und plätschern durch den tiefsten Ozean, wo sie schweigend vom Leben berichten.

Tinte und Papier zusammen vereint reisen von Buch zu Buch, von Seite zu Seite. Seite an Seite erkunden sie jedes Wort, betasten jeden Buchstaben, beschnüffeln jeden Strich und schmecken jeden Punkt. Die beiden erfinden das Leben neu und halten es fest.

Doch der Tintentropfen schwebt, schaukelt, taumelt, streckt sich, hängt noch fest. Das Papier wölbt sich ihm entgegen, streckt sich und kämpft und bleibt doch liegen.

In ihren Herzen singen sie gemeinsam von ihrer Liebe, zeigen der Welt, was alles möglich ist, was alles sein könnte, was alles war. Sie erzählen von Welten, die wir ohne sie nie sehen können, von Gerüchen, die wir ohne sie nicht riechen, von Musik, zu schön, als dass wir sie in unserer Welt finden würden.

In der Dunkelheit leuchten sie für die Einsamen, helfen ihnen das Alleinsein zu lieben und leisten ihnen Gesellschaft, damit sie nicht allein sein müssen. Sie strahlen für die Trostlosen, zeigen, was möglich ist und möglich war und möglich sein wird. Die Finsternis erhellen sie für die Hoffnungslosen und verstecken die Ängstlichen vor ihren Verfolgern.

Papier und Tinte fliegen von Nord nach Süd, sie sehen die Kälte und spüren den Tod, sie leben tausend Leben, die nie erzählt werden und erzählen sie einander, damit niemand sie je vergisst. Nur noch ein paar Millimeter entfernt, und dann, dann sehen sie auch wir, lesen von der Unglaublichkeit des Seins. Wenn das Leben den Atem anhält, erfahren wir, wo sie waren.

Da rührt sich eine Hand und in der Hektik und der Schnelle, rüttelt und schüttelt es am anderen Ende der Füllfeder und von seiner Spitze endlich gelöst, tropft der Tintentropfen. Er segelt und schreit und lacht vor Freude, als er endlich das Papier berührt.

Doch keine Füllfederspitze führt ihn, zeigt ihm den Weg, um der Welt von seinen Abenteuern zu erzählen. Er ist alleine. Das Papier nimmt ihn auf, begrüßt ihn, liebkost ihn, streichelt ihn, heißt ihn willkommen auf die schönste Art und Weise und tröstet ihn, doch auch es kann nichts tun, kann ihm nicht helfen, das zu werden, was er hätte werden können und so vergeht er, sinkt ein in das Blatt, spürt die Fasern, spürt die Liebe, spürt ein letztes Mal seine Geschichten, die zu erzählen er nie gekommen ist. Dann vergeht er und verharrt für immer, versteckt und unbekannt, unter dem gelben, duftenden Papier, das für immer seinen Geschichten lauscht, die uns verwehrt blieben.