Headerbild Bücher

Der 2. Teil meiner Kurgeschichten-Reihe rund um Agate und die Familie König. Dieses Mal steht Agates Enkelin Johanna im Mittelpunkt.

Ein Weihnachtswunder

„Engelslocken, Maroni & Punsch“ stand auf der ersten Weihnachtshütte, an der sie vorbeikam. Im Gehen atmete sie den süßlichen Duft von Orangen, Beeren, Ingwer und Zimt ein. Es roch nach Advent. Kurz blieb sie stehen und überlegte, ob sie nicht doch eine Kleinigkeit hätte mitbringen sollen.

Gleich am nächsten Stand wurden bunte Kerzen verkauft. Vielleicht wäre die eine in Form einer Rose etwas für ihre Großmutter, doch nach einem Blick auf die Uhr, schritt sie weiter. Am nächsen Stand glitzerten ihr bunte Ohrringe, Ketten und Ringe entgegen. Viel zu kitschig, um es zu tragen, aber schön anzusehen für einen Moment. Nun war es der Duft von Weihrauch, der ihr in die Nase stieg und den Punschgeruch verdrängte.

Im Advent nahm sie immer diesen Weg zu ihren Großeltern, um an den vielen Ständen vorbeizukommen. Man wusste nie, ob einem dabei nicht das perfekte Weihnachtsgeschenk in die Augen sprang. Köstliche Lebkuchen, Brezen und Schokoladenfrüchte verleiteten sie erneut beinahe dazu, stehen zu bleiben, aber Johanna wollte nicht zu spät kommen.

Hinter der nächsten Ecke verbargen sich nur noch eine weitere Punschhütte und ein kleiner Stand mit altmodischem, hölzernem Spielzeug. Am Heimweg such' ich hier etwas aus, dachte die Frau glücklich und bog in die nächste Seitenstraße ein. Gleich würde sie ihren Wintermantel ablegen und ihre steif gewordenen Finger an heißem Tee wärmen können.

Die Haustür wurde von ihrem Großvater geöffnet. „Hallo, Opa“, sagte Johanna glücklich und küsste ihn auf die Wange. „Wie geht es ihr heute?“, fragte sie vorsichtig. Sie hatte sich ihre guten Nachrichten für einen Moment aufgehoben, in dem ihre Großmutter Agate sie auch wirklich genießen konnte. „Besser, schlechter... Man weiß es nicht. Aber erzähl es ihr heute. Das ist doch das wahre Weihnachtsgeschenk für uns!“, lächelte er und humpelte in die Küche: „Magst du Tee?“

„Ja! Es ist eiskalt draußen“, antwortete Johanna und warf einen vorsichtigen Blick durch die Tür ins Wohnzimmer. Ihre Großmutter saß wie immer in ihrem Schaukelstuhl am Fenster und blickte in den Garten.

„Setz' dich schon mal zu ihr. Ich bringe deinen Tee gleich“, rief ihr Großvater aus der Küche.

Johanna streifte ihre Schuhe von den Füßen und betrat das Wohnzimmer. Es sah genauso aus, wie eh und je – doch wirkte es seit einiger Zeit so anders, so fremd. An den Wänden hingen dieselben Bilder und am Tischchen neben dem Schaukelstuhl ihrer Großmutter stand immer noch im silbernen Rahmen ihr Hochzeitsbild. Auch der Blick aus dem Fenster zeigte denselben Vorgarten jedes Mal, wenn sie auf Besuch kam. Doch die Stimmung hatte sich verändert. Es hing eine Schwere in der Luft, die einen zu Boden drücken wollte.

„Hallo“, sagte Johanna leise, während sie sich neben ihre Großmutter setzte, „Oma, ich muss dir was erzählen, das dich freuen wird“, begann sie dann sofort und nahm die alten Hände von Agate in ihre. Es ist Zeit, dachte Frau, jetzt oder nie. Ihre Großmutter blickte sie aufmerksam an, sagte jedoch nichts. Sie sprach kaum noch seit ihre Erinnerungen verschwammen.

„Oma... Ich... Du wirst bald Urgroßmutter.“, erzählte Johanna. Seit Wochen wollte sie es ihrer Großmutter erzählen. Doch jedes Mal, wenn sie auf Besuch kam, war sie abwesender als zuvor und immer wieder hatte sie sich gesagt: Ich erzähle es ihr, an einem besseren Tag. Ich erzähle es ihr, wenn sie es wirklich mitbekommen und sich freuen kann.

„Wir haben gewartet bis es ganz sicher ist, aber jetzt kann ich nicht mehr warten! Ich bin schwanger.“ Johanna lächelte glücklich – doch ihr Gesicht versteifte sich, als sie die Sorgenfalte auf dem Gesicht ihrer Großmutter sah.

„Aber, Kind, du bist doch noch so jung...“

Johannas Blick wurde traurig. Sie hatte gehofft, es wäre einer der besseren Tage.

„Ich bin zweiunddreißig, Oma. Weißt du nicht mehr? Du hast schon gedacht, du wirst keine Urli mehr“, erklärte Johanna geduldig, doch es schmerzte sie immer mehr.

Agate zog ihre Hände aus denen ihrer Enkelin und lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl zurück. Ihre runzelige Stirn lag in Falten. Für einen Moment schien sie in eine andere Welt geglitten zu sein, dann drehte sie sich wieder Johanna zu: „Aber du kannst doch keine Kinder haben“, sagte sie schließlich und verzerrte ihr Gesicht, als kostete es eine Menge Anstrengung sich an dieses Detail aus dem Leben ihrer Enkelin zu erinnern.

„Ja, das haben die Ärzte damals gesagt“, antwortete Johanna. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein noch größeres Lächeln aus als zuvor, „Aber jetzt ist es geschehen.“ Auch Agate lächelte. Für einen Moment war sie wieder im Hier und Jetzt angelangt und wusste, dass ihr Wunsch und der Wunsch ihrer Enkelin nach vielen Jahren in Erfüllung gegangen war.

„Ein Weihnachtswunder“, sagte Johannas Großvater, der das Zimmer mit einer heißen Tasse Tee in der Hand betreten hatte.

„Ja, ein Weihnachtswunder“, antwortete Agate und über ihre Wangen liefen Freudentränen.