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Nach "Bernhard" geht es jetzt mit meiner Familie-König-Reihe weiter. Heute steht seine Cousine Maria im Mittelpunkt. Das zugehörige Writing-Challenge Thema war "Musik".
Wer die Reihe noch nicht kennt, die Vorgeschichten gibt es hier (und es zahlt sich aus, sie vor "Maria" zu lesen):
Teil I: "Das alte Fotoalbum" oder "Agate"
Teil II: "Ein Weihnachtswunder" oder "Johanna"
Teil III: "Bernhard"

Maria

Vollkommen in der Musik versunken, glitten Marias Hände über ihre Harfe. Irgendwann hatte sie begonnen, alle Stücke auswendig zu spielen, auch wenn die Noten nach wie vor am Pult vor ihr standen. Doch sie fand es leichter, in der Musik aufzugehen und zu versinken, wenn sie ihre Augen geschlossen hielt.

Die Türglocke riss sie jedoch aus ihrem Stück. Etwas genervt von der Unterbrechung, stellte sie ihre Harfe auf die Seite und ging zur Tür.

„Hallo, Mama, ich wusste nicht, dass du vorbeikommst!“, begrüßte Maria ihre Mutter und küsste sie auf die Wange.

„Bin auch nur auf der Durchreise. Ich habe heute die letzten Kisten vom Dachboden geholt, da habe ich das hier gefunden“, sagte Marias Mutter und reichte ihr ein altes Tagebuch. „Ich dachte, du möchtest es vielleicht haben. Ich muss auch gleich wieder los. Die Maklerin hat gesagt, sie kommt um fünf. Die anderen sind auch noch in der Kiste, aber ich habe sie im Auto und nehme sie mit zu Agate. Du kannst sie dir ja holen, wenn du magst. So... Jetzt muss ich wirklich los, ich wollte dir das nur bringen!“ Und schon war sie wieder zur Tür hinaus.

Maria seufzte. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass ihre Mutter zu ihrer an Alzheimer erkrankten Schwester zog.

Für einen Moment blieb sie noch im Vorzimmer stehen, ihr altes Tagebuch in der Hand, so, als wüsste sie nicht, ob sie darin lesen oder sich zurück an ihre Harfe setzen sollte. Am Weg in ihr Arbeitszimmer fiel ihr Blick in den Spiegel. Der graue Haaransatz war schon wieder zu sehen. Kaum erinnerte sie sich daran, wie wunderschön blond ihre Haare früher gewesen waren. Jetzt färbte Maria sie rot. Das gefärbte Blond gefiel ihr nicht.

Schwer ließ sie sich in ihren Lesesessel fallen und schlug das Tagebuch auf. Die Neugier hatte über ihren Übungsdrang gesiegt:

20. Mai 1975

Liebes Tagebuch!

Heute habe ich es getan. Ich habe Bernhard die Wahrheit gesagt, aber es ist wirklich nicht so gelaufen wie geplant, dabei war die Gelegenheit einmalig. Wir waren wandern, Mama, Tante Agate, Bernhard, Sophia und ich. Die beiden wirken ja unzertrennlich, aber dann ist Bernhard doch mal vorausgegangen und ich bin ihm nach. Ich habe es gemacht, so wie wenn man ein Pflaster entfernt und einfach gesagt, dass ich gesehen habe, wie er letzte Woche mit so einer Tussi geschmust hat und dass ich das nicht in Ordnung finde. Ich meine, die beiden wollen heiraten, da kann er nicht noch eine zweite Freundin haben. Das geht nicht.

Er ist ziemlich böse geworden und irgendwie hat er die Beherrschung verloren und Sophia hat ihn gehört. Das ist wirklich nicht das, was ich wollte, aber ich hätte es nicht für mich behalten können. Naja, jetzt hat sie ihm gesagt, er soll sich zum Teufel scheren und ist alleine wieder zurück. Tante Agate wollte sie aufhalten, aber keine Chance. Dabei mochte ich sie so gerne. Sie ist die einzige, die mich nicht wie ein Kind behandelt, aber ich konnte es einfach nicht für mich behalten. Dass Bernhard sie auch so scheiße behandeln muss, das ist gemein. Da hat er endlich eine Freundin, die gut für ihn ist und dann so was. Ach, Tagebuch, ich verstehe es einfach nicht. Ich hoffe, ich habe mal nicht so einen blöden Freund wie Bernhard. Wenn ich überhaupt mal einen habe...

Maria schmunzelte. Grauer Haaransatz hin oder her, sie war froh, nicht noch einmal 14 Jahre alt zu sein. Doch noch einmal mit Bernhard streiten... Ihr älterer Cousin fehlte ihr sehr, obwohl sein Tod schon so viele Jahre her war. Zumindest mit Johanna telefonierte sie hin und wieder. Sie war wohl das einzig Gute, was aus seiner späteren Ehe hervorgekommen war.

Die Harfenistin schüttelte sich. Ja, hin und wieder telefonierte sie mit Johanna, aber das letzte Mal war bestimmt auch schon wieder ein paar Monate her. Seit Weihnachten hatten sie sich nicht gesehen. Damals hatte Johanna richtig gestrahlt. Sofort griff sich Maria ihr Handy und wählte.

„Hallo, Tante Maria!“, antwortete ihre Nichte bereits nach dem ersten Klingeln, „Was für ein Zufall, dass du anrufst. Ich wollte dir gerade eine SMS schreiben. Hast du mal Zeit für einen Café? Ich muss dir dringend was erzählen, was mir seit Weihnachten auf dem Herzen liegt.“