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Über dem Atlantik

Das Dröhnen hört man nach einer Weile nicht mehr. Ich habe ein paar Stunden geschlafen und schwupp, nach dem Erwachen ist das ständige Motorengeräusch einfach ausgeblendet. Es sei denn, ich konzentriere mich wieder darauf. Aber wer will das schon?

Die Filmauswahl ist dürftig, die Musikauswahl nicht besser. Ein paar Hörbücher gibt es, die mich ansprechen würden, aber eigentlich ist es anstrengend. Ich bin zu müde.

Das Mädchen im Sitz neben mir, murmelt etwas vor sich hin, während uns die Turbulenzen ein wenig aus dem Sitz heben. Es klingt wie: „Nicht schon wieder eine rote Ampel“. Ob sie im Traum im Auto schläft und nicht im Flieger?

Wir befinden uns über dem Atlantik. Zumindest ist es das, was uns die Anzeige der Bildschirme verrät. Bestimmt schon seit Stunden. Ein ungutes Gefühl – nur Wasser, direkt darunter. Endloser Ozean.

Die meisten Gäste schlafen. Dabei ist heller Tag und wir hüpfen auf und ab, als wären wir im Tagada im Wiener Prater. Ich kann nicht mehr. Ich wippe mich im Sitz vor und zurück. Will das Mädchen nicht wecken und doch auf den Gang.

Da empfängt mich schon Essensduft. Dann bleibe ich eben sitzen. Essen ist immer gut. Und im Gegensatz zu den meisten, liebe ich Flugzeugessen. Es schmeckt alles ähnlich, aber alles gut – warum sollte ich mich also beschweren?

„Chicken or vegetarian?“, fragt mich die Flugbegleiterin. Nein, ich esse keine Vegetarier, will ich scherzen, stattdessen antworte ich: „Chicken“ und fühle mich gleich daraufhin schlecht. Wenn ohnehin alles gleich schmeckt, hätte ich auch den Vegetarier essen können. Ich schmunzle über meinen Witz, den sonst niemand hört und säble mit dem Plastikmesser mein Hühnchen kleiner. Es dampft herrlich und riecht noch besser.

Zum Essen wäre ein Film doch gut. Zum fünften Mal zappe ich durch die Filmauswahl. Am Ende lande ich doch wieder bei der Fluginformation. Immer noch über dem Atlantik. Sag, vergeht überhaupt keine Zeit mehr?

Aus der Reihe hinter mir höre ich: „I'll take the chicken, I'm not eating vegetarians“. Die Flugbegleiterin lacht und ich ärgere mich plötzlich sehr, dass ich meinen Witz nicht zuerst gesagt habe.

Wieder eine kleine Turbulenz. Die „Fasten your seatbelt“-Zeichen leuchten. Warum müssen die Flugbegleiterinnen nicht sitzen? Sie schieben in aller Ruhe den Essenswagen durch die Reihen. Auch die Schlange vor dem Klo scheint es nicht mitbekommen zu haben und keiner kümmert sich darum.

Mein Hühnchen schiebe ich von einer Backe in die andere. Es schmeckt und schmeckt doch nicht. Irgendwas ist anders als sonst. Wie lange fliegen wir schon über den Atlantik?

Ich entscheide mich doch noch für einen Film. Irgendetwas mit Leonardo DiCaprio, was kann daran schon falsch sein? Endlich höre ich nichts mehr von dem Geflüster meiner Sitznachbarin. Sie hat weder ein Huhn noch einen Vegetarier gegessen.

Nachdem die Alu-Schüssel abtransportiert ist, aus der ich gegessen habe, lehne ich mich zurück. Vom Film bekomme ich immer noch nicht so viel mit.

Ein bisschen schlecht wird mir, als wir das nächste Mal durchgeschüttelt werden. Was, wenn wir jetzt abstürzen? Meine Familie würde mich bestimmt vermissen. Und mein alter Kater. Ach, es ist schon so schwer gewesen, ihn die vier Wochen alleine zu lassen. Was wird er wohl sagen, wenn ich gar nicht mehr bin?

Die Stewardess kommt vorbei. Jetzt heißt es, schnell sein: „Excuse me, Miss?“, frage ich vorsichtig. Sie dreht sich zu mir um. Jetzt bloß nicht kneifen. „What happens, if we … like fall down … out of the sky … Into the ocean?“ Ich merke plötzlich, dass ich zittere.

„This is not going to happen, don't worry!“, verspricht mir die Flugbegleiterin, sieht mich jedoch so zweifelnd an. Warum sieht sie mich so zweifelnd an?

„Are you okay?“, fragt sie mich. Ich nicke vorsichtig. Warum geht sie nicht weiter? Die „Fasten your seatbelt“ - Zeichen sind immer noch eingeschaltet. Sie sollte sich wirklich hinsetzen. Das sage ich ihr auch.

„Don't worry“, sagte sie noch einmal, „Nothing is going to happen to you. Just remain seated. I will take a seat as well!“

Sie geht weg. Ich sehe zu, wie sie mit einer anderen Flugbegleiterin spricht. Ach, hätte ich doch bloß nichts gesagt.

Jetzt rüttelt es noch stärker. Ich hätte weder das Hühnchen, noch den Vegetarier essen sollen. Mir ist zum Erbrechen übel.

„To help you calm down!“, höre ich plötzlich die zweifelnde Flugbegleiterin sagen. Sie beugt sich über das schlafende Mädchen und sticht mir eine Spritze in die Backe. Das darf sie doch gar nicht, was tut sie denn da? Dann rüttelt es noch heftiger. Ich höre, den Captain durchsagen: „Please, stay calm! We are currently facing some small problems, but the lovely stewardesses will be at your service at all time, providing you with advice! Put on your oxygen masks and remain seated!“ Eine Maske fällt von oben auf mich herab. Das ist das letzte, was ich sehe.

Mein linker Arm ist eingeschlafen. Ich fahre hoch. In Flugzeugsesseln kann man nicht gut schlafen! Eine grimmige Flugbegleiterin geht an mir vorbei. „Is everything alright?“, fragt sie mich. Es ist die, die mir die Spritze ins Gesicht gejagt hat. Vermutlich sehe ich deshalb ein wenig blass aus. „Everything is just fine!“, antworte ich. Es gibt keine Turbulenzen. Die „Fasten your seatbelt“ Zeichen sind ausgeschaltet. Der Platz neben mir ist frei. Kein Mädchen schläft darin. Alles ist so, wie es beim Abheben auch noch war. Alles ist gut.

Das duftende Flugzeugessen kommt auf mich zu. „Chicken or vegetarian?“, fragt mich eine andere Stewardess. „Chicken, I don't eat vegetarians!“, antworte ich verschmitzt. Die Flugbegleiterin lacht und reicht mir einen heißen Alubehälter. Von hinten tupft mich ein Mann an: „I just wanted to make the same joke!“, sagt er zu mir. Ich lächle ihn an. Der Display vor mir zeigt, dass wir uns gerade über dem Atlantik befinden. Ein wundervolles Gefühl – nur das endlose Meer unter uns. Das ist Freiheit!