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Über Nacht

Montag, 04:25 Uhr
Büro der Wetterredaktion – Kanal N7

Manuela Sommer rieb sich die Augen, gähnte ausgiebig und nahm einen großen Schluck aus ihrem Kaffeebecher. Sie hasste die Morgenschicht. Die neuen Daten kamen frühestens um halb fünf. Bis dahin hieß es abwarten, aktuelle Messwerte analysieren. Es war eintönige Arbeit, die sie nie zufriedenstellte.

Die Meteorologin streckte sich, blinzelte verschlafen – dann ertönte ein Ping. Ihr Vorhersagemodell war mit den Simulationen fertig geworden.
„Endlich“, murmelte sie, öffnete die Datei.
„Das kann nicht sein! Was ist da für ein Mist passiert!“
Ihr Programm hatte einen Temperatursturz von über 20 Grad Celsius vorhergesagt. Das konnte nicht stimmen. Es war schon jetzt kalt für die Jahreszeit. Dazu noch der relativ hohe Taupunkt und Windstärken, die einem Orkan glichen. Von einem Wetterumschwung war in den letzten Tagen nichts zu sehen gewesen. Etwas musste schief gelaufen sein.
Manuela fing mies gelaunt an, überprüfte fremde Modelle, die der Kanal N7 zukaufte, verglich alle Stationen der Ausgangslage.
„Verdammte Scheiße“, fluchte sie, lauter als geplant.
„Was ist los?“, kam die Stimme von Bernhard Niehmann aus dem Nebenzimmer. Der Nachrichtensprecher hatte ebenfalls die Frühschicht erwischt.
„Da …“, stammelte Manuela, „Da kommt etwas ganz Gewaltiges auf uns zu! Die Vorhersage hat sich über Nacht extrem geändert. Entweder alle unsere Stationen versagen auf einmal oder es wird jetzt richtig spannend.“
„Zeig her!“ Bernhard war in ihr Büro gekommen, starrte über ihre Schulter auf den Bildschirm.
„Da werden wir einiges zu berichten haben. Hast du eine Großwarnung ausgeschickt?“, fragte er gelassen.
„Natürlich! Weißt du, was das heißt?“ Manuela war von seiner Ruhe entsetzt.
„Kalt wird‘s!“
„Nicht nur kalt. Richtig beschissen. Schaut nach heftigem Raureif aus. Und dazu der Sturm“, Manuela schüttelte den Kopf, „Bäume, die umstürzen, zerstörte Strommasten, Autounfälle, Vereisungen … Das wird ein richtiges Chaos! Ich hab‘ in meinem ganzen Leben noch nie so eine heftige Kaltfront gesehen!“
„Schnee?“
„Könnte sein, aber auf jeden Fall Eis. Richtig viel Eis!“

Montag, 09:00 Uhr
Kleines Studio – Kanal N7

„Ziehen Sie sich warm an! Die letzte Nacht war nur der Vorgeschmack auf den kommenden Winter. Schönen, guten Morgen beim Wetter!“, sprach Manuela Sommer in die Kamera.
„Heute Morgen gab es verbreitet den ersten Frost des Jahres. Der Vormittag bringt noch Sonnenschein und milde Temperaturen. Mittags wird es bis zu zehn Grad Celsius erreichen. Am Nachmittag erreicht uns jedoch im Westen eine Kaltfront!“
Manuelas Herz raste. Wie sollte sie die Bevölkerung auf das vorbereiten, was folgen würde?
„An der Großwetterlage ist eindeutig das Sturmtief Zabine zu erkennen, das langsam an uns vorbeizieht.“ Die Meteorologin deutete auf einen Wolkenwirbel am Satellitenbild.
„Die heftige Nordwestströmung treibt eisige Luftmassen auf uns zu. Vor allem im Westen sollten Sie ihre Winterjacken aus den Schränken holen. Bis zum Abend wird es eine Abkühlung auf minus zwölf Grad Celsius geben. Gegen Mitternacht wird die Kaltfront den Südosten des Landes erreichen.“
Die Karte im Hintergrund zeigte die vorhergesagten Temperaturen der zehn größten Wetterstationen des Landes. Als Nächstes kam die Windkarte.
„Wir erwarten Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde. Es gilt die höchste Warnstufe.“ Manuela biss sich auf die Oberlippe. Sie wollte keine Panik auslösen, aber die Lage sah wirklich nicht gut aus.
„In Kombination mit der feuchten Luftmasse, in der wir uns zur Zeit befinden, ist heftiges Glatteis, Raureifbildung an der Vegetation und auch an Gebäuden nicht auszuschließen. Verlassen Sie – wenn möglich – Ihre Häuser nicht. Wenn Sie Autofahren müssen, fahren Sie vorsichtig!“
Es wurde Zeit, dass sie zum Ende kam. Weniger als eine Minute stand ihr für die morgendliche Wettersendung zur Verfügung.
„Um 12 Uhr 30 folgt die nächste Auskunft zur Wetterlage von meinem Kollegen Peter Baum. Schönen Tag und genießen Sie die letzten Sonnenstrahlen!“
Manuela seufzte tief. So aufregend die Situation war, die Müdigkeit saß ihr in den Knochen. Am liebsten würde sie nach Hause fahren, eine Runde schlafen, ihren eigenen Rat befolgen, das Haus nicht zu verlassen. Doch sie konnte nicht, musste wissen, wie sich die Lage weiterentwickeln würde, die alten Daten durchforsten, um herauszufinden, ob es am Vortag schon irgendwelche Anzeichen der Kaltfront gegeben hatte.

Montag, 22:14 Uhr
Büro der Wetterredaktion – Kanal N7

Feierabend-Sperre.
Manuela war seit über 19 Stunden auf den Beinen. Gleich nach den Abendnachrichten um 20 Uhr, waren zwei Kollegen losgefahren, um signifikante Stationen auf den Orkan vorzubereiten. Würden diese Messungen jetzt ausfallen, könnten wichtige Warnungen verpasst werden. Die Einsatzkräfte und die Bevölkerung mussten darüber informiert bleiben, was zu erwarten war.
Zur Zeit sah es aus, als würde der Orkan gegen ein Uhr morgens eintreffen. Manuela war mit den kleinskaligen Berechnungen beschäftigt. Unterschiedliche Modelle sollten mehr Klarheit bringen, aber die Rechenleistung der Kanal N7 Server war zu langsam. Nun musste die Meteorologin warten.
„Die Feuerwehr- und Polizeimeldungen trullern ohne Pause ein“, sagte Bernhard, der sich zu ihr gesetzt hatte. „Im Nestertal gibt‘s  zwei Gemeinden ohne Strom, weil der Sturm einen Mast zerstört hat, auf der A14 gab es einen LKW-Unfall. Das wird für uns alle eine lange Nacht.“
„Und ich warte auf die verdammte Software. Ich will endlich wissen, was noch auf uns zukommt. Vor allem kleinskalig. Dass es großflächig beschissen ist, weiß ich schon jetzt ...“, murmelte Manuela, klickte sich weiter durch die aktuellen Stationsmeldungen.
„Wenn die Ergebnisse da sind – hau dich aufs Ohr! Ich hab zumindest Mittags eine Runde gepennt aber du siehst echt fertig aus, so als würdest du es dringend brauchen.“
„Das dauert bestimmt noch zwei Stunden. Da sollte ich mich gleich hinlegen. Danke, Bernhard, bei so was kann ich nie aufhören… Es ist so … faszinierend! Woher die Kaltfront auf einmal kommt, ist mir ein totales Rätsel. Gestern war davon noch gar nichts zu sehen ...“

Dienstag, 06:51 Uhr
Dienstauto von Kanal N7

„Dreh die Heizung stärker auf!“, beschwerte sich Manuela.
„No stärker geht ned“, antwortete Peter, „Die läuft eh auf Hochtouren.“
Das Auto-Thermometer zeigte minus 21,6 Grad Celsius an.
„Warum müssen eigentlich wir zur Station fahren?“
„Weil wir Frühdienst hab‘n, weil die Station vereist is‘ und wir die Werte brauch‘n. Abgesehen davon hat sich die Stationsbetreuerin ned g‘meldet. Uns fehlt da Radiosondenaufstieg von fünf! Und der wär‘ echt nötig … Zur Not müss‘n wir ihn eb‘n jetzt erst steig‘n lass‘n … Ich kann‘s kaum erwart‘n, a Besserung zu sehen.“
Im Dunkeln konnten die beiden Meteorologen nicht viel erkennen, aber sie wussten, wie es draußen aussehen musste. Die Bäume bogen sich in alle Richtungen. Die Autobahnleitplanke war vereist, genauso wie die Straße. Bei diesen Temperaturen half das Salz nichts mehr. In dem Tempo, in dem sie fuhren, würden sie bestimmt eine halbe Stunde länger als üblich unterwegs sein.
Manuelas Handy läutete. Sie stöhnte auf.
„So eine beschissene Windkraft-Firma hat sich bei Kanal N7 gemeldet. Angeblich hätten wir es nicht gut genug vorhergesagt und ihre Anlagen sind vereist. So was hasse ich am meisten. Als ob wir Schuld an der Lage wären.“
„Du hast das eh toll g‘macht. Deine Warnungen an die Einsatzkräfte war‘n mehr als zwölf Stunden im Vorhinein raus. Und was sollst du im Fernsehen scho groß sag‘n? Die Panikmache hilft ja auch keinem“, versuchte Peter, sie zu beruhigen, „Die soll‘n froh sein, dass du die Front überhaupt so früh entdeckt hast!“
„Ich finde das aufregend, nicht zu wissen, wie es weiter geht. Die Modelle liegen meilenweit auseinander, auch schon bei der 24-Stunden-Vorhersage. Echt, auf das bereiten die einen im Studium nicht vor ...“
„Die Konsequenzen können heftig sein. Vor ein paar Jahren hab‘ ich einen Artikel g‘lesen, wo a Sturm ned deutlich vorhergesagt word‘n is‘ oder ging‘s um a Erdbeben? Die wurd‘n dann an‘zeigt wegen fahrlässige Tötung, oder so. Ich kenn mich ned ganz aus, die wollt‘n ihnen halt was anhängen. Da war dann die Argumentation: Wenn a Arzt an Fehler macht, stirbt ein Patient, wenn a Meteorologe an Fehler macht, sterb‘n hunderte, solche Fehler darf ma einfach ned machen und wer sie macht, g‘hört eing‘sperrt. Da gibt‘s immer Wahnsinnige.“
„Ernsthaft Peter, das musst du mir jetzt erzählen? Jetzt? Warum tust du mir das an?“, stöhnte Manuela, begann zu zittern, obwohl die Autoheizung nach wie vor auf vollen Touren lief.
„Du hast ja nix falsch g‘macht. Bei uns können die das ned machen … Beruhig di … Und bis jetzt gab‘s ja a no kan Tot‘n!“


Dienstag, 12:00 Uhr
Großes Studio – Kanal N7

„Sturmtief Zabine ist mittlerweile für den Tod von 20 Personen verantwortlich, weitere 150 sind schwer verletzt. Die Bevölkerung von 16 Gemeinden ist ohne Strom. Der technische Notdienst, die Feuerwehren, die Polizei und die Rettung sind seit gestern Abend im Dauereinsatz“, meldete Bernhard Niemann in den Zwölf-Uhr-Nachrichten. Ihm war das Herz schwer. Das zu berichten war schlimmer, als über Kriege zu sprechen. Diese lagen weit fort. Das hier betraf seine Familie, seine Freunde, seine Bekannten.
Manuela hatte die ersten Wutausbrüche der Bevölkerung miterlebt. Einige E-Mails waren am frühen Morgen eingetroffen, mit der Beschwerde, dass sie nicht deutlich genug eine Warnung ausgesprochen hätte. Immer wieder dröhnte Peters Geschichte in ihren Ohren. Ob sie wohl rechtliche Probleme bekommen könnte?
„An dieser Stelle möchte ich noch einmal meiner Kollegin Manuel Sommer aus der Wetterredaktion für die frühe Warnung danken“, sprach Bernhard in die Kamera. Manuela wurde rot, aber es half ihr auch nichts. Sie hatte die Geschichte von Peter recherchiert. Es waren keine Meteorologen gewesen, sondern eine Gruppe von Seismologen. 300 Personen waren bei einem Erdbeben gestorben. Das Urteil: sechs Jahre Haft.
Ich kann nicht in den Knast. Ich habe doch nur meinen Job gemacht, dachte Manuela verzweifelt, versuchte, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.
„Frau Sommer? Auf ein Wort bitte!“ Der Chef der Personalabteilung streckte seinen Kopf durch die Bürotür. Manuela wurde bleich.
„Es tut mir Leid. Ich weiß, dass Sie nichts falsch gemacht haben, aber wir haben ein paar Beschwerden bekommen. Angeblich wurde sogar Anzeige gegen Sie erstattet. Ich habe mir noch einmal die Wettersendung von gestern Morgen angesehen. Ich sehe Sie nicht in der Schuld.“
Wenn er mich nicht in der Schuld sieht, was tut ihm dann leid?, dachte Manuela und ahnte Böses.
„Ich muss Sie bitten, ihren bezahlten Urlaub  in Anspruch zu nehmen. Das ist das Beste, das ich Ihnen anbieten kann. Eigentlich war schon die Rede von einer Suspendierung. Ein wütender Anrufer hat sogar ihre Entlassung verlangt. Das tun wir selbstverständlich nicht. Aber ich denke, dass es das Beste für alle Beteiligen ist, wenn Sie vorübergehen nicht hier arbeiten. Natürlich nur, bis sich die Lage beruhigt hat und das mit der Anzeige geklärt wurde.“
Die Meteorologin konnte es nicht glauben.
„Das ist doch ein schlechter Witz!“, entfuhr es ihr. „Ich hab‘ nur meinen Job gemacht!“, schrie sie aufgebracht. Ihr war plötzlich unglaublich übel geworden.

Freitag, 09:00 Uhr
Wohnung von Manuela Sommer

„In dieser Nacht ist Sturmtief Zabine endlich weitergezogen. Schönen, guten Morgen beim Wetter!“, begrüßte Peter Baum die Zuseherinnen und Zuseher.
Manuela lag in eine dicke Fließdecke gewickelt auf ihrer Couch. Endlich war es vorbei. Die letzten Tage hatten wie Steine in ihrem Magen gelegen. Schlussbilanz: 115 Tote, über 200 Schwerverletzte. Die Stromversorgung war wiederhergestellt. Schäden in Milliardenhöhe an Gebäuden, an Windkraftanlagen, in der Stromindustrie und der Forstwirtschaft. Sie hatte doch alle gewarnt. Sie hatte es versucht. Was hätte sie auch sonst machen können?
Manuela seufzte tief. „Ich schmeiß meinen Job“, schoss es ihr durch den Kopf.
„Wie Sie sehen können hat sich herrliches Hochdruckwetter im Westen des Landes ausgebreitet. Es bleibt kalt, aber trocken. Sogar im Osten kommen Sie heute in den Genuss einzelner Sonnenstrahlen. Die Tageshöchstemperaturen liegen zwischen minus fünf und null Grad Celsius. Im Süden herrschen noch Windgeschwindigkeiten um 50 Kilometer pro Stunde. Im Norden ist es größtenteils windstill. Mit diesen Aussichten, einen guten Start in den Freitag!“, damit beendete Peter Baum die Wettersendung. Manuela schaltete den Fernseher aus. Die Polizei hatte sich noch nicht gemeldet.

Montag, 09:00 Uhr
Kleines Studio – Kanal N7

„Ich freue mich, wieder für Sie da sein zu dürfen. Einen schönen, guten Morgen und herzlich Willkommen beim Wetter“, begann Manuela Sommer zwei Wochen nach Durchzug der Kaltfront die Wettersendung auf Kanal N7.
Seit Tagen war das Wetter wundervoll. Ihre letzten Urlaubstage hatte Manuela draußen verbracht, über ihr Leben nachgedacht. Von einer Anzeige hatte sie nach wie vor nichts erfahren. Vermutlich war es eine leere Drohung gewesen.
Trotz Stress und Angst, um ihre Zukunft, hatte Manuela die Spannung der letzten Wochen genossen. Die Meteorologin liebte das Prickeln auf der Haut, wenn man die Ursache von etwas nicht kannte.
Der Durchzug der Kaltfront war ein Motivationsschub gewesen. Sie hatte Bewerbungen an Forschungsinstitutionen geschickt. Eine Analyse der Daten von Sturmtief Zabine mit der einhergehenden Kaltfront, sowie der Auslöser und das Versagen der Vorhersagemodelle könnten der Mittelpunkt ihrer Doktorarbeit werden.
Es war aufregend, nicht zu wissen, warum die Programme so lange versagt hatten. Beängstigend, ja, aber auch aufregend. Für solche Mysterien war sie Naturwissenschaftlerin geworden.