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Fort

fort
ein Wort
eingeschlichen
in meinem Kopf

Das einsame Fahrrad

Am Bahnhof steht ein Fahrrad. Es ist weiß. Jemand hat es hier abgestellt, abgesperrt und stehen gelassen. Dieses Fahrrad steht seit vielen Jahren am Bahnhof. Es muss einsam sein. Vielleicht wartet es wie ein treuer Hund, dass eines Tages sein Besitzer kommt und es holt.

Die Bleistiftschnüfflerin

Sie roch gerne an Bleistiften. Bevorzugt an solchen mit Stärke 3B. Gegen härtere Stifte war sie abgehärtet. Nur gelegentlich griff sie zur beliebten Sorte HB, denn bei weicheren kam sie immer in Versuchung, die Spitze anzusetzen, oberhalb der Lippen, dort wo die Nasenlöcher ihren Blick auf die Welt richteten. Und dann hinterblieben graue Mahnmale, die zeigten, was sie getan hatte.

Im Abendrot des Sommerleuchtens

und vor der Tür
ein letzter | allerletzter
Augenblick
eine Chance
um auszusprechen
was auf deiner Zunge
schon seit Jahren wartet

Ein Schluck Tee

Ich hatte in meinem Leben nie an Scheidung gedacht. An Mord, ja, aber bestimmt niemals an Scheidung. Der Grund dafür war einfach: Eine Scheidung musste man planen, ein Mord, so dachte ich, passierte nur in der Hitze des Gefechts, im Augenblick größten Streits und der Gedanke daran war vergessen, sobald man sich versöhnlich in die Arme fiel. Wie falsch ich lag! Mein Mann musste den Mord an mir schon lange geplant haben – und heute war es so weit.

Theater in der Wand

Er raste als grauer Beton. Dann als blauer.
It’s time now, meine Lieben!
Er sprang auf und marschierte mit dem Rucksack durch die Wand, hinein ins Gemäuer und ich folgte ihm. Dorthin, wo Heinz Fridolin wohnte. Seit langem führten sie hier ihre Theaterstücke auf. Manchmal war auch noch eine Biene dabei. Sie leckte am Beton, als wäre er geschmolzener Asphalt.

Ehrensache

„Aber bist du dir wirklich sicher?“, dröhnte es in den Ohren, tagein, tagaus, mit tausenden Stimme. „Und bist du dir wirklich sicher?“, kam es immer wieder. Ein Nicken, ein wahrlich verbissenes Nicken. Weiterkämpfen, wenig schlafen, überleben.

Worte im Norden

Worte im Norden
erzittern im Wind
Stimmen verloren
fort aus dem Sinn

Die letzte Mondfinsternis

Wir liegen im Gras und sehen den Mond. Wir haben keine Kamera dabei, kein Teleskop. Unsere Mobiltelefone liegen im Haus, irgendwo, abgeschaltet. Wir haben keine Musik in den Ohren, keinen Bildschirm vor unseren Augen.

Über Nacht

Montag, 04:25 Uhr
Büro der Wetterredaktion – Kanal N7

Manuela Sommer rieb sich die Augen, gähnte ausgiebig und nahm einen großen Schluck aus ihrem Kaffeebecher. Sie hasste die Morgenschicht. Die neuen Daten kamen frühestens um halb fünf. Bis dahin hieß es abwarten, aktuelle Messwerte analysieren. Es war eintönige Arbeit, die sie nie zufriedenstellte.

Mit Herzblut

Der Pinsel weint,
weil die Rosenblätter schweigen.
Sie wohnten auf der Leinwand,
bevor das Blau des Himmels sie begrub.

Bilder der anderen Welt

05:25 Uhr – Der Wecker läutetete mit derselben, ruhigen Klaviermusik wie jeden Morgen, auch wenn es heute beinahe zwei Stunden früher war als üblich. Sylvana zögerte nicht. Mit einem Ruck drehte sie sich auf die andere Seite, deaktivierte die Alarm-App auf ihrem Mobiltelefon und war schon aufgestanden, bevor die Uhr auf 05:26 Uhr springen konnte.

Wunderheilung

„Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen verrückt.“ Mit diesen Worten und einem freundlichen Lächeln schloss Dr. Sabine Berg hinter ihrem fünften und letzten Patienten an diesem Tag die Tür. Seit zehn Jahren, auf den Tag gemau, arbeitete sie mit Menschen wie ihm, Menschen, die dachten, sie seien besonders, obwohl sie nicht mehr oder weniger besonders waren als alle anderen Menschen auf der Welt.

Der 12. Mai oder Der Tag, an dem ein Hund zu den Gänsen ins Wasser sprang

Am 12. Mai saß ich auf einem Steg am Charles River in Boston. Ob das schön war, weiß ich nicht so genau. Ich war ein bisschen müde an dem Tag, weil ich die ganze Nacht davor durchgelesen hatte. Ich war auch ziemlich glücklich, weil die Sonne zwischen den Wolken hervorbrach. Zumindest zwischendurch manchmal. Das tat gut, die Wärme auf meiner blassen Winterhaut zu spüren.

Möwenflug

Möwen singen der Sonne entgegen. Das glitzernde Wasser unter ihren Flügeln bricht. Der Schaum ist der Beweis. Sie sind die Magier der Lüfte, die Zauberer der See.

Unter Wasser

Über Steine plätschern sie,
unter Sandkörner treiben sie,
die Worte der Wellen,
die Sätze der Wirbel.

Das Märchen vom Löwen mit dem Fischschwanz

Vor vielen, vielen Jahren – als die Insel, die heute Singapur ist, nur ein Dschungel mit einem Fischerdorf an der Südspitze war - lebte ein Löwe, der die Welt entdecken wollte. Eines Abends – das Licht kurz nach Sonnenuntergang tauchte die grüne Insel in blaue Farben – schlich sich der Löwe auf ein großes Boot und versteckte sich hinter dicken Tonnen, die nach Fisch stanken.

Ein Haiku für das neue Jahr

Um die Welt reisen,
der Welt davon erzählen,
nach Hause finden.

Der Untergang oder Spät Nachts am Klavier komponieren

Du füllst den Raum mit Farben,
Musik füllt ihn mit Licht,
damit wir sie auch sehen können,
wenn die Welt zerbricht.

Über dem Atlantik

Das Dröhnen hört man nach einer Weile nicht mehr. Ich habe ein paar Stunden geschlafen und schwupp, nach dem Erwachen ist das ständige Motorengeräusch einfach ausgeblendet. Es sei denn, ich konzentriere mich wieder darauf. Aber wer will das schon?

Auf der Brücke

11.11.2016

Wer entscheidet,
     wer du bist?
Warum gehst du
     dorthin?
Wo bleibst du
     stehen?
Wann ist es
     genug?

Der goldene Herbst

Dieser Herbst war golden. Er strahlte in einem Licht, das es nur zu dieser Jahreszeit geben kann. Wenn du jetzt ganz tief einatmest, kannst du ihn vielleicht sogar noch riechen. Lange ist es nicht her. Ein bisschen nach nasser Erde roch er damals, nach Kürbis, ein wenig Staub und eine herbe Süße lag auch darin, vielleicht von überreifem Obst. Das war es! Riechst du die Äpfel? Sie dufteten köstlich in diesem Herbst.

Der Kinobesuch der alten Dame

Ich war – zu meiner Zeit – ein großer Filmstar gewesen. Wie mich die Männer angesehen hatten, voller Ehrfurcht und Lust und die Frauen! Solcher Neid. Jede wollte so sein wie ich, so jung, so attraktiv, so erfolgreich. Wenn ich mit meinen vollen Lippen und den kurzen Locken über die Kinoleinwand tanzte, waren die Kritiker begeistert und wenn ich über den roten Teppich zur Premiere schritt, gab es ein Feuerwerk an Blitzlichtern. Jeder wollte das beste Foto von mir schießen.

Weil niemand ohne Zeit sein kann

Melodien tanzen von Dach zu Dach,
wandern über Wälder und durch die Stadt.
Sie tröpfeln von deinem Fenstersims
und lächeln dich an,
weil ein Lächeln nicht ohne Zeit sein kann.

Das Nussschalenboot

In einer kleinen Nussschale,
die vor und zurück schaukelt
auf den Wellen der Unendlichkeit,
sitzen tausende Geschichten.

Maria

Vollkommen in der Musik versunken, glitten Marias Hände über ihre Harfe. Irgendwann hatte sie begonnen, alle Stücke auswendig zu spielen, auch wenn die Noten nach wie vor am Pult vor ihr standen. Doch sie fand es leichter, in der Musik aufzugehen und zu versinken, wenn sie ihre Augen geschlossen hielt.

Drei Vögel

Auf zwei Ästen sitzend,
die Köpfe gedreht, die Augen offen,
sitzen zwei Vögel und tuscheln.
Sie sprechen über mich,
sie beobachten mich,
wie ich unter ihnen, unter dem Baum,
auf dem sie sitzen,
zu ihnen nach oben blicke.

Feenjagd

„Es war so eine Nacht wie es sie nur ganz selten gibt. Die Sterne sangen ihr Lied von der Ewigkeit, das für unsere Ohren nicht hörbar ist, doch die Bäume lauschten und rauschten, wenn der Wind durch ihre Blätter tanzte.

Ein Flüstern aus der Ferne

Und im Dunklen
flüsterst du mir zu,
dass du ohne mich
in deinen Armen,
keine Ruhe findest,
keinen Schlaf.
Darum flüst're ich
sogleich zurück:
Ich bin da,
wenn du erwachst.

Nüsse, Teig und Rattengift

Nüsse reiben ist eine Tätigkeit, die nicht nur Muskeln erfordert, sondern auch höchste Konzentration. Viele würden wohl statt mit dem Mörser alles zu zerkleinernde, die Zutaten einfach in einen messerscharfen Mixer geben. Dann ist das Pulver aber zu fein. So wie ich es mache, erwischt man oft noch ein Körnchen, wenn man den fertigen Kuchen in den Mund steckt.

Eine Welle aus Lärm und Ton

Eine Welle erhebt sich,
sie rollt durch den Saal,
sie bricht und schäumt
und tost.

Der Hofnarr, der nicht lachen konnte

Es war einmal ein Hofnarr, der geboren wurde, um Hofnarr zu sein. Seine Eltern hatten es von dem Moment an gewusst, da sie zum ersten Mal in sein kleines Gesicht geblickt und gelacht hatten. Sie lachten und lachen und lachten, bis sie sich mit schmerzendem Bauch abwandten.

Eine Reise als Schneeflocke

Stell dir vor, du bist eine Schneeflocke.... Deine Reise beginnt weit, weit oberhalb der Erde.... Von dort tanzt du langsam auf die Erde zu... Zuerst fühlst du dich schwerelos.... Dann spürst du den Widerstand der Luft und schaukelst ein wenig.... Die Erde unter dir kommt immer näher...

Die Verrückte

Gestern sah ich eine Verrückte. Ich beobachtete sie wohl eine Weile, ohne dass sie mich bemerkte. Ich traf sie gleich am Morgen. Ich traf sie erneut zu Mittag und dann am Abend. Sie war wohl eine Verrückte, so wie sie sich benahm. 

Bernhard

Mit Blumen in der Hand trat Johanna ans Grab. Unter ihrem dicken Wintermantel konnte man ihren Bauch nicht sehen, doch sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis auch im dicksten Gewandt ihre Schwangerschaft zu sehen sein würde.

Durch den Nebel

Durch den Nebel geht es,
fort, fort immer fort.
Wo ist vorne, wo ist hinten?
Unsere Fußspuren tanzen im Schnee.

Ein Weihnachtswunder

„Engelslocken, Maroni & Punsch“ stand auf der ersten Weihnachtshütte, an der sie vorbeikam. Im Gehen atmete sie den süßlichen Duft von Orangen, Beeren, Ingwer und Zimt ein. Es roch nach Advent. Kurz blieb sie stehen und überlegte, ob sie nicht doch eine Kleinigkeit hätte mitbringen sollen.

Das alte Fotoalbum

Draußen fiel der erste Schnee des Jahres. Dicke, weiße Flocken tanzten vor ihrem Fenster und bedeckten ihre Blumen, ihren Vorgarten und ihre ganze Welt. Mit duftendem Orangentee ließ sie sich in ihrem Schaukelstuhl nieder und betrachtete das Treiben.