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Das einsame Fahrrad

Am Bahnhof steht ein Fahrrad. Es ist weiß. Jemand hat es hier abgestellt, abgesperrt und stehen gelassen. Dieses Fahrrad steht seit vielen Jahren am Bahnhof. Es muss einsam sein. Vielleicht wartet es wie ein treuer Hund, dass eines Tages sein Besitzer kommt und es holt.

Die Bleistiftschnüfflerin

Sie roch gerne an Bleistiften. Bevorzugt an solchen mit Stärke 3B. Gegen härtere Stifte war sie abgehärtet. Nur gelegentlich griff sie zur beliebten Sorte HB, denn bei weicheren kam sie immer in Versuchung, die Spitze anzusetzen, oberhalb der Lippen, dort wo die Nasenlöcher ihren Blick auf die Welt richteten. Und dann hinterblieben graue Mahnmale, die zeigten, was sie getan hatte.

Im Abendrot des Sommerleuchtens

und vor der Tür
ein letzter | allerletzter
Augenblick
eine Chance
um auszusprechen
was auf deiner Zunge
schon seit Jahren wartet

Ein Schluck Tee

Ich hatte in meinem Leben nie an Scheidung gedacht. An Mord, ja, aber bestimmt niemals an Scheidung. Der Grund dafür war einfach: Eine Scheidung musste man planen, ein Mord, so dachte ich, passierte nur in der Hitze des Gefechts, im Augenblick größten Streits und der Gedanke daran war vergessen, sobald man sich versöhnlich in die Arme fiel. Wie falsch ich lag! Mein Mann musste den Mord an mir schon lange geplant haben – und heute war es so weit.

Theater in der Wand

Er raste als grauer Beton. Dann als blauer.
It’s time now, meine Lieben!
Er sprang auf und marschierte mit dem Rucksack durch die Wand, hinein ins Gemäuer und ich folgte ihm. Dorthin, wo Heinz Fridolin wohnte. Seit langem führten sie hier ihre Theaterstücke auf. Manchmal war auch noch eine Biene dabei. Sie leckte am Beton, als wäre er geschmolzener Asphalt.